Utopie mit Gurkengläsern
Stichpunkte zur sowjetischen Datscha

ein Arbeitspapier
(Rev. 1)

Wenige Begriffe werden so prompt mit Rußland assoziiert, wie Datscha. Was steckt nicht alles in diesem Wort? Das ist nicht bloß ein Häuschen im Grünen für den müden Städter, das sind manische Wodkagelage und stille Wanderungen, barfüßige Kinder und krumme Rentnerrücken, freudvoller Dilettantismus und bewundernswerte Improvisationskunst, bitterer Überlebenskampf und lächerlicher Repräsentationsdrang, der Traum von Privatleben und der Alpdruck der Uniformität. Vermutlich gibt es nichts Russischeres als die Datscha. Dabei nimmt ihre Erfolgsgeschichte mit der Gründung der ersten europäischen Stadt Rußlands, mit Sankt Petersburg, ihren Anfang. Alles begann mit dem Kopieren westlichen Lebensstils Mitte des 18. Jahrhunderts.

Doch dies nur vorweg, weil es so schön paradox ist. Es soll uns aber nicht weiter bekümmern, da das Thema einfach zu komplex ist, als das man in einem einzigen Film die gesamte Kulturgeschichte der Datscha ausbreiten könnte. Im Folgenden will ich nur einige Gedanken anbieten, die vielleicht deutlich machen können, in welche Richtung meine filmische Beschäftigung mit dem Thema gehen könnte. Die Zusammenstellung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und selbstverständlich kann es nur eine Auswahl der angerissenen Themen in den Film schaffen. Das ist in erster Linie natürlich davon abhängig, welche Drehgenehmigungen wir bekommen und was die Recherchen vor Ort ergeben. Moskau ist der ideale Ort, um der Entwicklung eines sowjetischen Phänomens nachzuspüren.

Das steingewordene Symbol für die Macht im streng zentralistisch organisierten Rußland ist der Kreml, doch oft werden gravierende Entscheidungen in den suburbanen Zonen der Datschensiedlungen getroffen. Die Datscha als informeller Politikort, der demokratisch legitimierte Strukturen unterläuft und die Geheimdiplomatie des autoritären Alleinherrschers befördert. Es hat fast den Anschein, daß die von Stalin mit aller Brutalität zur Industrienation transformierte Agrargesellschaft, selbst in den Köpfen der höchsten Entscheidungsträger Generationen später immer noch eine wahrnehmbare emotionale Spur hinterläßt. Für diese These gibt es sogar einen städtebaulichen Beleg in Moskau. Breschnew ließ 1967, in den goldenen Jahren des sowjetischen Imperiums, eine ein Kilometer lange und schon lächerlich breite Schneise in eines der letzten zusammenhängenden historischen städtebaulichen Ensembles, den Arbat, schlagen. Diese Trasse, ursprünglich benannt nach dem ersten Staatsoberhaupt der UdSSR Kalinin, dient nur einem einzigen Zweck: sie stellt die kürzeste Verbindung zwischen dem offiziellen Regierungsviertel im Zentrum Moskaus und den Staatsdatschen an der städtischen Peripherie im Westen dar. Die bekannten Siedlungen Archangelskoje, Barwicha, Ilinskoe und Petrovo-Dalnee am Fluß "Moskwa" liegen nicht westlich der Hauptstadt, um Europa näher zu sein, sondern weil der Fluß hier noch schön sauber ist. Und so braust die präsidiale Wagenkolonne fast täglich auf dem Mittelstreifen von den Regierungsdatschen Rublyowskoe Chaussee kommend, über den Kutusowskij Prospekt und den Neuen Arbat in Richtung Kreml und zurück, während der gemeine Moskauer fluchend im täglichen Dauerstau steht, der vor allem Freitag nachmittag und Montag früh auf eine extreme Art die nervlichen Konstitution der Automobilisten testet.

Datschen sind Orte, an denen die Zeit stillstehen, Geschichte zu schicksalhaften Momenten gerinnen kann. Hierher zog sich der paralysierte Diktator Stalin nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion zurück und rang zwei Wochen um Fassung, hier in seiner Datscha "Blishnaja" in Kunzowo lag er eine gute Dekade später nach einem Schlaganfall auf dem Fußboden im eigenen Urin und die Knechte schlichen durchs Haus und wagten es nicht, die Tür zu öffnen, hier verreckte er qualvoll fünf lange Tage mit Blutegeln im Nacken. Stalin regierte nicht vom Kreml aus, seine eigentliche Residenz war die nächtliche Datscha. Die riesigen Säle und der Pomp des Kremls wirkten um Nummern zu groß für den kleinen Georgier, erst in der abgeschirmten und überschaubaren Atmosphäre eines Landhauses konnte er sich wirkungsvoll inszenieren und seine Entourage mit den ewig wiederkehrenden Nachtgelagen quälen. Von wegen "im Kreml brennt noch Licht, Stalin arbeitet" - der Tyrann bevorzugte die Abgeschiedenheit und traute Überschaubarkeit einer Hütte im Wald.

Die scheinbare Intimität einer solchen Behausung hat sich des öfteren als nützlich erwiesen, wenn alle anderen Mittel versagten. So konnte Bundeskanzler Adenauer die schon fast gescheiterte Moskauer Konferenz 1955 bei einem Empfang in Gorkis Datscha noch retten und so den Deutschen in russischer Kriegsgefangenschaft den Weg in die Heimat ebnen. Schon legendär geworden sind das Treffen Kohls und Gorbatschows im Juli 1990 im Vorfeld der deutschen Wiedervereinigung in der Staatsdatscha bei Archys im Kaukasus, wo die Staatsmänner in Strickjacken und ohne Krawatten beieinander saßen und alle wesentlichen Hindernisse auf dem Weg zur deutschen Einheit beiseite schafften oder die vielbelächelte doch äußerst erfolgreiche Saunadiplomatie mit Präsident Jelzin.

Das private Refugium wurde aber auch ganz schnell zur Falle. Nicht umsonst gibt es das makabre Scherzwort, von der Datscha als dem GULag der Epoche Breschnews und Gorbatschows. Hierher wurde der 1964 gestürzte Chruschtschow abgeschoben, auf "seiner" Datscha bei Moskau lebte er, so die offizielle Sprachregelung, zurückgezogen bis zu seinem Tode 1971. Dies stellt die mildeste Form der Verbannung dar. Die Datscha als Schicksalsort. Bezeichnenderweise wurde die Götterdämmerung der allmächtigen KPdSU und der riesigen Sowjetunion auch zur besten Datschensaison eingeläutet. Alles ist in der Sommerfrische, da macht sich ein letztes Kommando, eine Handvoll graue Genossen mit kalter Wut und schlotternden Knien auf in die einstige Zentrale der Weltrevolution. Im August 1991 wurde Präsident Gorbatschow in seiner Datscha am Schwarzen Meer festgesetzt, während die Putschisten in Moskau am Rad der Geschichte drehten. Und noch einmal hielt die Welt den Atem an, doch die greisen Dilettanten erwiesen sich als der letzte Nagel zum Sarg des kommunistischen Weltreiches.

Datschen sind keine Einzelwesen, sie versichern sich immer des Beistands ihres Nachbarn, um die ihnen eigene Raumordnung zu verteidigen. Ihr massenhaftes Auftreten schafft Sicherheit und parzelliert auf überschaubaren Flächen die russische Unendlichkeit. Bei allem Wildwuchs, Chaos und trickreicher Umgehung von Bauvorschriften, bei aller nachbarschaftlicher Konkurrenz und herausgekehrter Individualität der Einzelobjekte bildet die Datschensiedlung eine stete Werte- und Sozialgemeinschaft, die Schutz vor einer als feindlich erkannten Umwelt bietet. Besonders deutlich wird das bei den Siedlungen der politischen Elite und des Geldadels. Sie sind in gewisser Weise das russische Pendant zu den „Gated Communities“, die sich seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit erfreuen. Umzäunte und von privaten Sicherheitstruppen abgeschirmte Siedlungen, in die sich die wohlhabenden Amerikaner gern zurückziehen und fern von sozialen Spannungen, ökologischen Disastern und subversiver Stadtkultur im Gefängnis ihres Erfolges leben. Das Modell wurde von der sowjetischen Nomenklatura Anfang der 30er Jahre entwickelt und hat dort bis heute nichts an seiner Attraktivität eingebüßt. Im heutigen Rußland ist allerdings ein kleines, aber symptomatisches Element hinzugekommen. An keiner Stelle der postsowjetischen Gesellschaft ist die symbiotische Beziehung zwischen Kapital und Macht so offensichtlich, wie auf dem Immobilienmarkt für Datschen. Das Geld sucht die physische Nähe zur Macht und je dichter die Regierungsdatschen dem eigenen Grundstück rücken, desto astronomischer die Preise, welche der Neue Russe bereitwillig dafür zahlt. Die Option, eine Datscha zu kaufen, ist überhaupt ein Novum, zu sowjetischen Zeiten hatte man für dieses Privileg mit seiner Seele, seinem Gewissen zu zahlen. Eine Datscha erwarb man nicht, man empfing sie. Die Vergabe von Grundstücken war Teil eines ausgeklügelten Belohnungssystems, mit dem Systemtreue prämiert wurde. Ein Wochenendhaus war ein Privileg, das einem mit dem Aufstieg in der gesellschaftlichen Hierarchie zustand, das bei fortgesetztem Erfolg immer pompöser wurde. Aber es war kein Privateigentum, es gab keine Sicherheit, kein Vererben, sobald man in Ungnade fiel, konnte es einem auch von heute auf morgen entzogen werden. Die zentralen Insignien des Erfolgs - Auto, Stadtwohnung, Datscha - haben sich bis heute, trotz dramatisch gewandelter Rahmenbedingungen, nicht gravierend geändert. Der oberster Sachwalter des beträchtlichen Kremlvermögens (geschätzt $ 650 Milliarden), Wladimir Koschin, ist der Leiter der 350 Beamten umfassenden Wirtschaftsverwaltung des Kreml. Er ist der Hüter jener Gesetzestafeln, in denen für jede einzelne Position in der Administration die Privilegien festgeschrieben sind. Seien es Fahrzeuge, Sondernummernschilder, Kantinenzugänge oder eben Datschen. Das hat durchaus Tradition, denn ursprünglich bedeutete das Wort
дача "vom Zaren zugeteilte Gabe an Grund und Boden". Das Wort "Datscha" wird vom russischen "dat" hergeleitet, was nichts anderes als geben bedeutet.

Wenn zur Sowjetzeit eine wesentliche Aufgabe der Institution Datscha die Domestizierung der Proletarier war, für die ganze Inseln dieser Refugien in den mittelbaren Rückzugsgebieten großer urbaner Ballungsgebiete errichtet wurden, so hat sie heute auch ihre Funktion als ein soziales Unterscheidungsmerkmal. Die entsprechenden Siedlungen sind daher kaum sozial durchmischt, sondern lassen in ihrer Homogenität durchaus Rückschlüsse zur gesellschaftlichen Schichtung Rußlands zu. Während die Elite ihre Datschen mit Observatorien, riesigen beheizten Pools und sogar Kapellen ausstatten läßt, ist die Feststellung, daß das reguläre Einkommen nicht mehr für ein Leben über der Armutsgrenze reicht, eine zentrale Erfahrung zahlreicher Menschen in Rußland seit den neunziger Jahren. Daß es trotzdem nicht zu massenhaften Protesten der Bevölkerung gegen die marktwirtschaftlichen Reformen kam, ist wohl vor allem darauf zurückzuführen, daß von der Bevölkerung alternative Überlebensstrategien entwickelt wurden. Ein wesentliches Element ist dabei die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln aus dem eigenen Garten. Etwa die Hälfte aller Haushalte besitzt ein Stück Land, auf dem Nahrungsmittel zur eigenen Versorgung angepflanzt werden. Diese individuellen Nebenwirtschaften erreichten zeitweise einen Anteil von fast 50% an der gesamten russischen Nahrungsmittelproduktion. Zumindest vorübergehend kann man sicher davon sprechen, daß die Privatisierung in Rußland nicht zur nur die Effizienz der Wirtschaft befördert, sondern gezwungenermaßen auch zu einer Rückwendung auf Selbstversorgung und Naturaltausch im Familienverband, zu einer flächendeckenden Datschen-Primitivisierung geführt hat. Doch auch diese Entwicklung ist nicht wirklich überraschend, genau dieser Funktion als soziales Sicherheitsnetz verdankt die Datscha ja ihren überwältigenden Erfolg im 20. Jahrhundert. Die zwangskollektivierte und ineffektive Landwirtschaft der riesigen Sowjetunion konnte nie die Versorgung der eigenen Bevölkerung sicherstellen. So wurde den Industriearbeitern der Städte über die Arbeitsstellen als Belohnung für gute Arbeit
три сотни (300 qm) zur Pacht überlassen. Darauf durfte ein Häuschen von max. 24 qm Grundfläche errichtet werden. Diese Einschränkung, die darauf abzielte, möglichst wenig von der landwirtschaftlichen Nutzfläche dem Komfort zu opfern, führte zu der schon fast märchenhaft anmutenden Pilzarchitektur der Gebäude. Natürlich übernahm man zusammen mit der Grundstückspacht auch die Verpflichtung, auf seinem Flecken Erde auch Gemüse und Obst zu ziehen. Grasflächen waren tabu, Blumen nur in kleinem Maße geduldet. Die Tierhaltung mußte strickt untersagt werden, da die findigen Sowjetbürger ihr Vieh mit hochsubventioniertem Brot mästeten. Der Sinn dieser Maßnahmen war, die Grundversorgung der Städter sicherzustellen und das klassische Symbol dieser Bewegung wurden die Dreiliter Gläser mit denen die Schätze des Gartens in den Winter gerettet werden konnten. Ironischerweise ist das Landleben auf der Datscha für breite Bevölkerungsschichten nicht ein Gegenpol zur Stadt, sondern das Mittel, in den Metropolen zu überleben.

Im stark zentralisierten Rußland zog es die Eliten und Subeliten schon immer nach St. Petersburg und später Moskau. Bis 1917 waren Datschen das Symbol für urbane Nichtproletarier, für die Mittelschicht aus der sich die Gesellschaft bei Hofe, die Regierungsbürokratie, die Ärzte, Juristen und Journalisten rekrutierten. Diese, nicht körperlich Arbeitenden, die Mitte des 19. Jahrhunderts schon 25 % der Bevölkerung ausmachten und die soziale Gruppe zwischen der Profankultur und der Aristokratie darstellten, fanden in der Datschenkultur einen Raum, in dem es nicht um geistloses Amüsement ging, sondern der als Hort von Kreativität, als intellektuelles Labor, als Ort der Erholung vom städtischen Streß und Abstand vom Alltag begriffen wurde. Diese Tradition hat sich von Puschkin und Tschechow über Pasternak und Gorki bis zu Solschenizyn heute fortgesetzt. Das Denken hat sich in Rußland auf dem Lande entwickelt und die Verbindung der russischen Intelligenzia mit der Kultur der Datscha ist augenfällig. Für die Schriftsteller war es die Kolonie Peredelkino, die Inspiration und Austausch, Prestige und Luxus aber auch ständige Überwachung und politische Bedrängung bedeutete. So erlebt es der Schriftsteller Isaak Babel, für den in Peredelkino 1934 eine riesige Datscha gebaut wird. Babel genießt, von Hauspersonal umsorgt, die Annehmlichkeiten des Landlebens, während in der Ukraine Hungersnot herrscht und Millionen verrecken. 1939 ist der Traum vorbei. Er wird verhaftet, im ehemaligen Kloster Suchanowka gefoltert und 1940 erschossen.

Die proletarische Revolution in Rußland war nie mehr als eine Kopfgeburt der Intelligenzia, aber das auf Datschen gern Geschichte geschrieben wird, habe ich ja schon erwähnt. Folgerichtig stirbt Lenin, der Führer der Bewegung, 1924 einsam auf einer Datscha in Gorkij. Auch Alexander Solschenizyn, einer der bedeutendsten Kritiker des Sowjetsystems, hat seine Erfahrungen mit dem russischen Landhaus sammeln können. Nach dem Ende der so genannten Tauwetterperiode unter Chruschtschow, wird der Schriftsteller wieder geächtet und in die tiefe Provinz verbannt. 1969 holt ihn der Cellist Mstislaw Rostropowitsch aus den unwürdigen Bedingungen und gewährt ihm, allen Anfeindungen und Drohungen zum Trotz, bis zur Ausbürgerung 1973 Obdach in seiner Datscha bei Moskau. Er bezahlt für seine moralische Konsequenz mit Berufsverbot und muß 1974 auch ins Exil. Als der Emigrant Solschenizyn nach dem Ende der Sowjetunion heimkehrt, versucht ihn Präsident Jelzin erfolglos zu instrumentalisieren. Die Regierung stellt dem Patriarchen der russischen Seele ein Landhaus mitten in der Bonzensiedlung Troize-Lykowo zur Verfügung. Auf dem Grundstück stand einst die Datscha des unter Stalin erschossenen Marschalls Tuchatschewski.

Vielleicht noch ein Wort zur oben angesprochenen Utopie. Nach der Revolution 1917 wurden die Städte von Menschen, die auf der Flucht vor Chaos und Hunger auf dem Lande waren, geradezu überschwemmt. Massenweise verließen sie auf ihrer verzweifelten Suche nach Arbeit die Hütten auf dem Lande, in der Hoffnung auf ein paar Quadratmeter Wohnraum in der Stadt. Anfang der 20er Jahre gewann die utopische Idee der Gartenstadt in der Sowjetunion an Einfluß. Auf kleinen Grundstücken sollten kompakte Häuschen für die Arbeiter gebaut werden, die ihren Reiz größtenteils vom Vorbild der Datscha bezogen. Doch bald zeigte sich, daß man mit diesem teuren Modell dem riesigen Problem der Wohnungsnot nicht beikommen konnte. Und so wurde beispielsweise aus der Gartenstadt Sokol in Moskau wieder kein Arbeiterparadies sondern ein Privileg für staatstragende Architekten (und Maler). Heute ist dieses kleine Glück umgeben von 20geschossigen Arbeiterschließfächern und die Wirklichkeit hat den Entwurf wieder einmal umstellt. Doch der Traum lebt.