ARCHIV - Sprache und Erinnerung des Systems

D0011888



»… ob man nicht eben genau das, was man verdrängt,
erinnern und archivieren könne,
es archivieren könne, indem man es verdrängt …«
Jacques Derrida

Eine Fahrt an Orte, in denen heute Papier ist, was gestern Zukunft war. Der eigene Blick, ein Abgleich flüchtiger Erinnerung mit dem Abraum der Geschichte. Der Versuch, sich davon ein eigenes, notwendigerweise bruchstückhaftes Bild zu machen, wie Vergangenheit in unterschiedlichen nationalen Kontexten postsowjetischer Realität bewahrt, vergessen oder erschlossen wird. Der Fokus wird weniger auf die Inhalte selbst als vielmehr auf die Räume gelegt, die den aktuellen Umgang mit ihnen definieren. Das sind, je nach Intention und Potenz der Betreiber, Nischen, Höhlen, Bunker, Hallen, in die wir unsere Trophäen packen, dem unablässigen Verlust entrissen, für eine andere Ewigkeit. Das Archiv ist ein komplexes Konstrukt voller Ambivalenz, in erster Linie jedoch ein Instrument der Rückversicherung. Oft ein Ausweis von Feigheit und Unsicherheit, gern auch ein wahnhafter Ausdruck von Dickmäuligkeit, immer aber ein Trauer-Apparat. Verkapselte Erinnerung, mal weggesperrt hinter Stacheldraht, geschützt durch ein Bollwerk von Gesetzen, Verordnungen und Formularen, mal präsentiert in lichtfrohen Sälen, buhlend um Aufmerksamkeit. Taucherglocken im Ozean der Flüchtigkeit, an filigranen Kabeln hängend. Oasen der Stille in lärmender Betriebsamkeit, Plätze der Einsicht und Erkenntnis - Friedhöfe eben.

Hier steht die Zeit selbst an der Rampe, Selektion definiert Erinnerung, administrierte Wahrnehmung schafft Gegenwart. Mit Draht verschnürt, in Leder geknebelt, in Kisten gesperrt, in Akten gebündelt, in unzählige Kilometer Regalfläche gepresst, von übel gelaunten Archivaren argusäugig bewacht - das Erbe, ein stinkender, zum Faulen neigender Haufen in den Kulissen, wenn die Darsteller schon längst ein Fraß der Würmer geworden sind. Die Staatsräson ist der große Zampano, in dessen Auftrag wieselflinke Zensoren unermüdlich den Bestand im Kontext des politischen Tagesgeschäfts neu zu interpretieren suchen.

Seinem Wesen nach rückwärts gewandt und introvertiert braucht das Archiv seinen Platz in der zukunftsgeilen und damit todessüchtigen Realität. Diese Verortung im Raum ist mal ein großmäuliges Versprechen, mal ein verschämtes Wegducken aber in jedem Fall aufschlussreich.

In einem ersten Schritt soll es bei diesem Projekt um das Finden, Aufsuchen und ins Bild setzen von Archiven in Lettland, der Ukraine und Russland gehen. Im Ergebnis soll eine Anzahl Fotografien, Begegnungsprotokolle und im besten Fall das Konzept für einen Dokumentarfilm zum Thema entstehen. Die Auswahl der Erinnerungsorte folgt am ehesten dem Prinzip Vielfalt, so dass sowohl offizielle, halbamtliche als auch private Dokumentensammlungen in den Metropolen und auch in der Provinz berücksichtigt werden. In Frage kommen staatliche Institutionen wie Justiz, Militär, Geheimdienst und Bildungswesen, Menschenrechtsorganisationen, Veteranenverbände und Privatleute. Vollständigkeit kann und soll allerdings nicht angestrebt werden, vielmehr geht es um die Einrichtung Archiv im Spannungsfeld konträrer Lesarten jüngerer Geschichte wie Okkupation und Befreiung, Repression und Integration, Kolonisation und Progress.