KRIEG IM KOPF
Eine sehr unvollständige Geschichte des Schachspiels in der Sowjetunion

Materialien für einen Dokumentarfilm


»Man sagt immer, die Lebenszeit ist kurz, allein der Mensch kann viel leisten, wenn er sie recht zu benützen weiß. Ich habe keinen Tabak geraucht, nicht Schach gespielt, kurz nichts betrieben, was die Zeit rauben könnte."

J.W. Goethe, 1822

Einleitung
Ich bin kein Schachspieler. Ja, ich beherrsche die elementaren Regeln (wer nicht?), spiele auch ab und an eine Partie, doch von Leidenschaft keine Spur. Ich habe eine vage Idee davon, dass eine gelungene Kombination begeistern kann, dass die Stellung der Figuren auf dem Brett auch eine ästhetische Dimension hat, dass ganze Partien wie kontrapunktische Kompositionen gelesen werden können, ich ahne das alles, doch ich weiß nichts davon. Dieses Spiel ist ein Kosmos. Ich bin dafür zu klein, wenn ich es spiele, will ich bloss gewinnen. Das setzt mich so unter Druck, dass für nichts anderes Raum bleibt. Genuss ist was anderes und wie Schach zur Entspannung gespielt werden kann, wird sich mir wohl nie erschließen. Vermutlich bin ich zu unkonzentriert, denkfaul und langsam. Trotzdem, ich bewundere die Schachmeister! Sie sind erleuchtet.
Nachdem das klargestellt ist, nun zum Film. Darin möchte ich mich mit der sowjetischen Schachschule beschäftigen, die ein knappes Jahrhundert prägend für die Geschichte des Schachs war. Es geht um diesen sehr speziellen Denksport im Kontext von gesellschaftlichem Fortschritt und Terror, von totalitärer Doktrin und Individualität. Es ist die Rede von Sport und Politik im Spannungsfeld von Dominanz und Unterordnung. Geistige Entgrenzung trotz oder durch extreme räumliche und ideologische Begrenzung? Ich denke, es ergeben sich in diesem Zusammenhang eine ganze Reihe interessanter Fragestellungen jenseits der nur eine Minderheit begeisternden schachtheoretischen Probleme, was eine Beschäftigung mit dem Thema auch in Zeiten des Quotenjournalismus durchaus rechtfertigt.

Schachrevolution
Natürlich drängt sich zu Beginn die Frage nach der Quelle auf. Warum um alles in der Welt hat sich das bolschewistische Regime, das für sich in Anspruch nahm, die Diktatur der Arbeiter (und später auch der Bauern) zu errichten, ausgerechnet für den Schachsport so begeistert? Die Tatsache, dass Schach um die Jahrhundertwende weltweit immer populärer wurde (seit 1886 wurden Weltmeister gekürt) kann in Anbetracht der weiteren Entwicklung nicht als hinreichender Grund angesehen werden. Schach gilt bis heute als Sport der Intellektuellen und beileibe nicht als originär proletarischer Zeitvertreib. Doch vielleicht ist eben hier die Erklärung zu suchen. 1917 putscht sich in Russland eine Splittergruppe der russischen Intelligenz, stellvertretend für das Proletariat, an die Macht. In einem extrem zentralistisch ausgerichteten Gesellschaftsmodell steht die Partei der Bolschewiki an der Spitze. Lenin ist ihr unangefochtene Führer und er ist begeisterter Schachspieler. Zu simpel für einen Ursprungsmythos? Gut, sehen wir weiter. Nach dem Bürgerkrieg und der vorübergehenden Stabilisierung der Macht ist die Schaffung eines revolutionären Bewusstseins in Arbeiter- und Bauernschaft, das ihnen von der Partei per se abgesprochen wird, von existenzieller Bedeutung. Alexander Ilin-Zhenewski ist 1920 als Kommissar der Allgemeinen Reservistenorganisation in Moskau mit der körperlichen und geistigen Vorbereitung junger Männer auf ihre Einberufung in die Arbeitermilizen, später die Rote Armee, befasst. Der Großmeister und alter Bolschewik, der schon im Exil mit Lenin Schach gespielt hat, initiiert die erste RSFSR-Meisterschaft in Moskau. Man stelle sich das einmal vor: In den Städten herrscht Hunger, in den wenigen arbeitsfähigen Fabriken streikt der Prolet, auf dem Land wird brutal konfisziert was essbar ist, verzweifelte Bauernaufstände sind die Folge, die sogleich erbarmungslos niedergemetzelt werden. Es herrscht Kriegskommunismus, der "Rote Terror" ist entfesselt und wütet gegen das eigene Volk. Die Revolution badet im Blut und nun ergeht folgender Befehl: „Am 1. Oktober findet in Moskau ein Schachturnier statt. Ich befehle, den Bezirk von diesem Turnier umfassend zu informieren. Spätestens bis 15. September sind nach Moskau … Angaben über Turnierinteressenten zu melden. Über die zugelassenen Teilnehmer wird telegrafisch benachrichtigt.“ Der Befehl duldet keinen Widerspruch. Nebenbei bemerkt offenbart sich in dieser knappen Anordnung ein Erfolgsgeheimnis sowjetischen Sports: die konsequente Militarisierung verbunden mit umfassender Mobilisierung wird in kurzer Zeit zu einem potenten Kader führen. Lenin ist überzeugt, dass „der Mensch verbessert werden kann. Der Mensch kann so gemacht werden, wie wir ihn haben wollen.“ Auf diesem Weg der Transformation menschlicher Natur ist Schach ein Hilfsmittel, nach Lenins Überzeugung: „Gymnastik des Verstandes“. Schön ist in diesem Zusammenhang, dass dem Bauern nach den Schachregeln die Möglichkeit der Verwandlung innewohnt. Er erreicht den gegenüberliegenden Spielfeldrand und wird zu einer höherwertigen Figur. Die Sowjets haben diese Metamorphose ihrer Mushiks jahrzehntelang durch Hungersnöte, Zwangskollektivierungen, Massenerschießungen und Deportationen vergeblich erzwingen wollen.
Sommer 1920, spätestens nach ihrer militärischen Niederlage in Polen, wurde den Bolschewiki endgültig klar, dass der Revolutionsexport gen Westen gescheitert war. Sie waren allein, umgeben von Feinden und das eigene Volk rebellierte. Wer denkt da an Schach? Für mich hat folgende These viel Charme. Angesichts des herrschenden Chaos und des drohenden Untergangs gab es eine tiefe Sehnsucht nach Ordnung, Regeln, Berechenbarkeit. Schach als Organisationsprinzip, als Metapher. Das Quadrat des Spielfelds hat 64 Felder. Abschied von der Weltrevolution - aber unendliche Möglichkeiten innerhalb der Grenzen. Dazu keine Grautöne, nur Schwarz-Weiß, wir oder sie. Gut, vielleicht zu weit hergeholt, doch Fakt bleibt, seit den 20ern wird Schach unter aktiver Förderung der Partei zum Volkssport gemacht. Ich bin kein Freund von Statistiken, doch die muss ich bringen: 1923 gab es in der Sowjetunion eintausend registrierte Schachspieler, 1929 waren es 150.000, 1960 spielten zwei Millionen Sowjetbürger organisiert Schach. Zum Vergleich, der US-Schachverband hatte 1962 ganze 10.000 Mitglieder. Also das nenne ich konsequente Mobilisierung der Massen.

Opfern um zu siegen
Die Geschichte der sowjetischen Schachschule beginnt mit einem Trauma. Der Pfahl im Fleisch hat einen Namen: Alexander Aljechin. Das Jahrhunderttalent stammt aus einer Moskauer Aristokratenfamilie und wird 1919 in Odessa verhaftet. Der Spionagevorwurf bringt ihm ein Todesurteil ein. Es kursiert das Gerücht, dass ihn Trotzki im Gefängnis besucht und nach der obligaten Partie Schach seine Freilassung erreicht. Tatsache ist, dass ihm sein schon damals herausragender Ruf als Schachspieler das Leben rettet. Fortan arbeitet er als Untersuchungsrichter bei der Hauptverwaltung der Polizei, später auch als Dolmetscher für die Komintern. 1920 tritt Aljechin im schon erwähnten Moskauer Turnier an, siegt und wird erster Landesmeister der Sowjetunion. Trotz des Erfolges wird er wieder von der Geheimpolizei vernommen. Das genügt, der enteignete Adlige flüchtet 1921 in die Schweiz. Im gleichen Jahr verliert der Deutsche Emanuel Lasker in Kuba die Schachkrone an José Raoul Capablanca. Sechs Jahre später ist Aljechin Weltmeister - allerdings nicht mit einem sowjetischen sondern einem französischen Pass. Das ist bitter, denn er wird den Titel (mit einer Unterbrechung) bis zu seinem Tode 1946 tragen. Und es kommt noch derber. Während der deutsche Jude und Exweltmeister Lasker 1935 Zuflucht in der Sowjetunion findet, Schach propagiert und sowjetische Meisterspieler trainiert, hofft Aljechin auf einen Sieg der Deutschen über die Bolschewiki und lässt sich in die nationalsozialistische und antisemitische Propagandamaschinerie einspannen. Er spielt Turniere und arbeitet als Kulturassistent von Hans Frank, dem schachbegeisterten Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete. Nun sollte man annehmen, dass die nicht gerade als duldsam und versöhnlich bekannte Sowjetnomenklatur Aljechin nach diesem erneuten Sündenfall lautstark an den Pranger stellt, ihn als typischen Sohn seiner Klasse brandmarkt, um ihn danach als Unperson dem Vergessen anheim fallen zu lassen. Doch nichts dergleichen geschieht. Im Gegenteil, man bemüht sich zwei mal sehr ernsthaft um das Zustandekommen eines Weltmeisterschaftskampfes. Das scheitert einmal am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und endgültig am einsamen Tod von Aljechin im portugiesischen Exil. Was für eine Bedeutung muss das Schachspiel schon in der Zeit stalinistischer Gewaltherrschaft gehabt haben, dass mit einem erklärten Antikommunisten, Vaterlandsverräter und Nazikollaborateur Verhandlungen geführt werden. Die abweichenden Meinungen anderer wurden in der Regel im eigenen Land zigtausendfach mit Genickschuss oder Zwangsarbeit und im Ausland mit einem Eispickel im Schädel prämiert. Spielte Stalin Schach? Ich weiss es nicht, doch hierin ist die Ursache für soviel Nachsicht auch nicht zu suchen. 1925 findet das erste internationale Schachturnier in Moskau statt. Lasker, Capablanca, Bogoljubow - die größten Schachspieler der Welt brechen die „Kulturblockade“ und kommen in die Sowjetunion. Im Schach hatten die Sowjets erstmals die Möglichkeit, etwas tatsächlich, jenseits rein ideologischer Postulate, zu beweisen. International anerkannter Erfolg, wie hat man sich danach gesehnt. Der Nachweis, dass das System funktioniert, dass man trotz aller Widerstände und Feinde, knietief im Blut watend, nicht in die Irre ging. Lange bevor sie ihr Volk ernähren, den Krieg gewinnen, in den Kosmos fliegen würden, konnte man das Prinzip bestätigen und dies nicht, wie von allen erwartet, mit der Brechstange, sondern mit dem Geist. Diese Vision rechtfertigte es, beide Augen zuzudrücken. Der amtierende Weltmeister Aljechin, an dem man nun mal nicht vorbeikam, durfte im Interesse des möglichen eigenen Triumphes nicht kleingeredet werden. Der Herausforderer war schon ein Prototyp des homo sovietikus, ein stalinistischer Staatsbürger par excellence. Michael Botwinnik, der Patriarch des sowjetischen Schachs, spielte erbarmungslos und nutzte die Vorteile politischer Unterstützung für seine Karriere skrupellos aus. Einer seiner Förderer war Nikolai Krylenko, ein Vertrauter und Schachpartner Lenins, erster sowjetischer Oberbefehlshaber, später Generalstaatsanwalt und Kommissar für Justiz von Stalins Gnaden. Neben Wyschinski, der sein Schachrivale und beruflicher Erzfeind war, ein hasserfüllter Ankläger in den Schauprozessen der angststarren dreißiger Jahre. Dieser Fanatiker legt den Grundstein für den Höhenflug des sowjetischen Schachs. Den Triumph seines Zöglings Botwinnik, der sich im Herbst 1938 in Holland als Herausforderer des Weltmeisters qualifiziert, erlebt Krylenko nicht mehr. Sein eigenes Spiel kann er nur verlieren. Früher im Jahr gerät er in die bisher von ihm selbst bediente Knochenmühle und wird zermalmt. Der Henker als Opfer. Wie mag Botwinnik das Turnier bestritten haben, darum wissend, dass er nun der Liebling eines Volksfeindes ist. Wie kalt muss man sein, wie überzeugt, um unter diesen Umständen in die Sowjetunion zurückzukehren. Das war der ultimative Treuebeweis des Genossen Botwinnik. Da nimmt es nicht Wunder, dass dem Mann neben einer bedeutenden sportlichen Karriere auch Erfolg als Funktionär beschieden war.

Kriegsschauplatz
Die im alltäglichen Gebrauch etablierten Sprachbilder, die dem Schach entlehnt sind, geben sich durchweg negativ, ja gewalttätig. „Jemanden in Schach halten“ ist wohl das populärste Beispiel und das mussten die Sowjets reichlich, bei einer entmündigten Bevölkerung. „Schach matt“ - Tod dem König, vielleicht liegt es ja an dieser latenten Aggressivität, dass Schach überwiegend eine Männerdomäne geblieben ist. Die Sowjetunion stellte zwar von 1950 bis 1991 die Weltmeisterinnen, doch konnte dies nie auch nur annähernd die Bedeutung des Männerschachs erlangen. Hat Schach in der Sowjetunion seinen Ursprung in der Hybris von fanatischen Kerlen, die ums Verrecken die Welt verbessern mussten? Der Architekt der Roten Armee, Leo Trotzki, erklärte 1918: „Militärdoktrin muss auf Fachkompetenz und gesammelter Erfahrung beruhen. Ideologische Spekulationen sind fehl am Platz. Wie beim Schachspielen kann man sich auch in der Kriegsführung nicht von Marx leiten lassen.“


Man sagt das Schachspiel ist ein Bild des Krieges. Das ist Blasphemie. Manche Spieler tönen, dass sie ihre Gegner zerstören, zerschmettern, vernichten wollen. Starke Worte. Der Leningrader Schachtheoretiker Pjotr Romanovskij schreibt Dezember 1941 aus dem eingeschlossenen Leningrad in einen Brief: „Es gibt das stumpfe Wort ‚müssen‘, dem alles unterzuordnen ist. … Dagegen kann ich nichts tun. … Während ich jetzt schreibe, zittern mir bei 19 Grad Kälte die Hände. … Gegenwärtig bin ich über einer Arbeit, die gewissermaßen der Traum meines Schachlebens ist und sich «Götzenanbetung und Fetischismus sowie ihr Einfluß auf das schachliche Denken» betitelt. Ein sehr schwieriges, aber dankbares Thema, das vor allem Fragen des Konservatismus im schachlichen Denken berührt.“ Drei Monate später nimmt der inzwischen Evakuierte die Korrespondenz wieder auf: „In Leningrad ist mit meiner Familie eine Katastrophe geschehen. Am 6. Januar starb Agnessa Wassiljewna, am 10. Januar Swetlana, am 14. Januar mein Goldkind Anja, am 22. Januar Rogneda und am 26. Januar Kira. Nun bin ich allein. Dass mir gleich alle fünf in dem von Gräbern übersäten, verschneiten und zerstörten Leningrad genommen wurden, kann ich nicht fassen. Mein Schmerz ist unbeschreiblich. Eine halbe Stunde vor ihrem Tod hatte mir Anjutka noch zugelächelt und gesagt: ‚Papotschka, Allerliebster, Allerbester, wir wollten doch nach dem Süden fliegen.‘ Kurz darauf verfiel sie in Schweigen, öffnete aber noch einmal die Augen, holte tief Luft und schied dahin ... Nach dem Weggang meiner letzten Tochter Kirotschka machte ich mich wieder an eine neue, sehr schwierige schachhistorische Arbeit.“ Anfang 1943 endet mit der Kapitulation der deutschen 6. Armee die Schlacht von Stalingrad. Sie kostet über eine Million Menschen das Leben. Im Februar findet in Moskau ein Schachturnier zu Ehren des 25. Jahrestages der Roten Armee statt. Pjotr Romanovskij ist einer der neun Teilnehmer. Ob er seine Gegner am Brett vernichtet?

Spielfeld der Geheimen
Es ist kein Novum, dass die meisten russischen Revolutionäre von Schach fasziniert waren. Verblüffend ist trotzdem, dass die intensivste Förderung des Sports aus den Institutionen der Repression, dem Geheimdienst, den Justizorganen und dem Militär erfolgte. Zufall? Schwer zu glauben, nahe liegender ist der Gedanke, dass die entschlossensten und fähigsten Köpfe diese Schlüsselstellen der Diktatur besetzten und deshalb die Erfolgsgeschichte Sowjetschach hier ihren Anfang nahm. Im Sinne der Spieltheorie ist Schach ein Spiel der vollständigen Information, man ist immer über alle Schritte des Gegners informiert. Der Traum aller Schnüffler. Und Schach ist ein unkooperatives Spiel, der Gewinn einer Seite ist der Verlust der Anderen. Bist du nicht für uns, bist du gegen uns! Das NKWD hatte einen eigenen Schachklub - «Dynamo». Den führte Boris Weinstein, der gleichzeitig dem sowjetischen Schachverband vorstand und hauptberuflich als Leiter der Wirtschaftsabteilung direkt dem Chef des NKWD Berija unterstellt war. Dieser Weinstein war es, der die Bemühungen des Schachmeisters Botwinnik, gegen den Exilanten Aljechin anzutreten erfolgreich hintertrieb. Ein Protegé Weinsteins war es auch, der erstmals den Weltmeister Botwinnik herausforderte. David Bronstein brachte ihn 1951 in arge Bedrängnis und nur mit allergrößter Mühe und Dank grober Fehler des Herausforderers in der entscheidenden Partie, erreichte Botwinnik ein Unentschieden und blieb Weltmeister. Dieser Kampf, inszeniert auf der Bühne der Tschaikowski Konzerthalle in Moskau, machte die Kontrahenten zu erbitterten Feinden. Botwinnik behauptete später, dass Bronstein durch Mitarbeiter des KGB, die Anhänger des Klubs «Dynamo» waren, aus dem Saal heraus lautstark unterstützt wurde, was ihn enorm irritierte. Es ranken sich viele Legenden um das Spiel, die alle darauf hinauslaufen, dass Bronstein letztlich gezwungen wurde, das Match zu verlieren. Denn auch Botwinnik hatte Unterstützer im Sicherheitsapparat und vorgeblich war es der Sowjetführung nicht recht, dass Bronstein, dies war auch der Geburtsname Trotzkis, Weltmeister wurde und damit die Sowjetunion im Ausland repräsentierte. Angeblich wurde Bronstein mit seinem Vater unter Druck gesetzt, der schon einmal von 1937 bis 1944 als politischer Häftling im GULag gesessen hatte und nun das Spiel seines Sohnes aus dem Zuschauerraum heraus verfolgte. Der Vater als Geisel, der Sohn bloß Figur in einem größeren, nicht zu überschauenden Spiel finsterer Mächte. Solche Geschichten wuchern gern im Garten der Diktatur, im Dickicht des Geheimen. Der prinzipielle Nonkonformist David Bronstein hat diese Gerüchte später zurückgewiesen und der linientreue Michail Botwinnik gab zwar zu, dass ihm von offizieller Seite mehrfach im Laufe seiner langen Karriere angeboten wurde, die Partien seiner Konkurrenten zu manipulieren, will davon aber niemals Gebrauch gemacht haben.

Eine große Familie
Wer oder was ist eigentlich gemeint, wenn vom sowjetischen Schach die Rede ist? Zyniker sprachen ja bald vom Völkergefängnis Sowjetunion. So finden sich unter den Weltmeistern Russen, Georgier, Letten, Asebaidshaner - heute alles souveräne Staatswesen. Nehmen wir Botwinniks Konkurrenten Paul Keres. Estland hatte sich nach der Oktoberrevolution die Unabhängigkeit erstritten und Keres gehört zur ersten Generation, die nach 700 Jahren Fremdherrschaft in einer Atmosphäre nationaler Selbstbestimmung aufwächst. Mit Anfang Zwanzig gehört er unbestritten zur Weltspitze des Schachs und zur Elite der Nation. Doch der nationale Renaissance bleibt nicht viel Zeit. Im geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes ist das Schicksal der Balten schon besiegelt. 1940 besetzt die Rote Armee das Land und das NKWD lässt das Volk zur Ader. Für Keres ist die Transformation zum sowjetischen Spieler der Preis des Überlebens. 1941 besetzt das faschistische Deutschland das Baltikum und Keres arrangiert sich erneut. Er sichert die Existenz seiner Familie mit Simultanpartien für die Wehrmacht und durch die Teilnahme an Turnieren im faschistischen Europa. 1944 sind die Sowjets endgültig zurück und füllen die Straflager Sibiriens mit Balten. Und wieder wird Keres seines überragenden Schachtalents wegen verschont. Als 1948 die fünf weltbesten Schachspieler um den seit Aljechins Tod verwaisten Schachthron spielen, ist der Este hoher Favorit. Sein überraschend schlechtes Abschneiden bei diesem Turnier hatte natürlich sofort wieder eine prächtige Verschwörungstheorie zur Folge. Unter der Hand wurde die Schwäche gern mit erzwungenem Zurückstecken dem linientreuen Kommunisten Botwinnik gegenüber begründet. Wen würde es wundern in einem System, das Individualität und Professionalität nur zuließ, wenn sie der Legitimation des Regimes und der Bestätigung ideologischer Dogmen dienten. Keres hat immer bestritten, Botwinnik den Vortritt gelassen zu haben und solange keine anders lautenden Unterlagen darüber auftauchen, wird dieser Gedanke, so schlüssig er scheinen mag, eine Latrinenparole bleiben.

Schlachten im kalten Krieg
Eins ist sicher, Schach bot Anerkennung, einen gewissen Schutz vor der stalinistischen Schreckensherrschaft und materielles Wohlergehen weit über dem Durchschnitt. Damit war das Spiel in der UdSSR unbestritten außerordentlich attraktiv. Die sowjetische Schachmaschine gewann an Fahrt. Der Weltmeistertitel war im Land und hochwillkommene Munition im kalten Krieg. Die Talentsuche wurde streng planwirtschaftlich aufgezogen. Tausende von Schachklubs in Großbetrieben, Kolchosen, Pionierhäusern sorgten für die Verbreitung des Spiels in den entlegensten Regionen, vom Staat ausgebildete und bezahlte Schachlehrer erschlossen das Potential des riesigen Reiches und delegierten die jeweils besten Spieler an die nächsthöhere Schachschmiede. In einem Land, in dem es eigentlich immer an allem gemangelt hat, wurde Schachliteratur in riesigen Auflagen gedruckt, wurden Turniere finanziert, Studiengänge eingerichtet, medizinische, psychologische, mathematische Forschung betrieben - kurz, es wurden enorme Ressourcen mobilisiert, um den Erfolg zu erzwingen. Und der blieb nicht aus. Im eigenen Land erwuchs dem Altmeister Botwinnik die stärkste Konkurrenz. In der so genannten „Tauwetterperiode“ nach Stalins Tod verliert er den Titel zwei mal an seine Herausforderer. Wassili Smyslow, der feinsinnige Sänger und Michael Tal, der lettische Bohemien, sind Söhne ihrer Zeit. Alles an ihnen atmet den Beginn. Kunstsinnig und romantisch stürmen sie die Bastionen der alten, kalten Herren. Doch der Amtsinhaber setzt sich mit allen Mitteln zur Wehr und gewinnt jeweils die Revanche. Der Wiedergänger - die Schatten der Nacht sind lang. Zu lang, wie sich herausstellt, 1964 leitet Breschnew nach Chruschtschows Sturz die Restauration ein. Das Land erstarrt im Würgegriff der Bürokratie. Ein Jahr zuvor ist der Altmeister Botwinnik von einem nüchternen Taktiker endgültig abgelöst worden. Der Georgier Petrosjan, der „eisernen Tigran“, ist Weltmeister. „Das fehlerfreie Spiel ist unerreichbares Ideal im Schach. Gerade das Streben, möglichst fehlerfrei zu spielen, fesselt mich.“ Er wurde gern als der „beste Verteidiger“ bezeichnet. Genau, immer schön in Deckung bleiben und bloss kein Risiko eingehen, dies war die Stunde der Konformisten. Aufbruch blieb ein Traum, der im Prager Frühling 1968 von Panzern der ruhmreichen Sowjetarmee endgültig zermalmt wurde. Eiszeit im kalten Krieg. Nicht von ungefähr etabliert sich zu dieser Zeit ein neues politisches Schlagwort - Patt. Bis zum Schach Matt sollte es noch über zwanzig Jahre dauern. Doch bis es soweit war, gierte die Sowjetunion nach Anerkennung, dies war das Adrenalin, das den siechen Körper auf Trab hielt, vom ersten bis zum letzten Tag. Die besten Sportler, die gewaltigsten Bauwerke, die schrecklichsten Bomben - höher, schneller, weiter - bis das Fleisch von den Knochen fällt, bis zur Selbstzerstörung. Das Regime, repressiv und abgekapselt, lechzte nach Respekt und Beifall der Welt, als Gegengift für das kaputte Selbstwertgefühl. Schachgrossmeister Taimanow sprach einmal von den drei Stützen der sowjetischen Propaganda: Schach, Zirkus und Ballett. Bezeichnender weise war für Schachfragen die Abteilung Ideologie im Zentralkomitee der KPdSU zuständig. Im Frühjahr 1945, die Geschützrohre vor Berlin glühten noch, entstand die Idee zu einem Radiowettkampf UdSSR gegen USA, den die im Westen weitgehend unbekannten sowjetischen Schachspieler im Herbst gleichen Jahres triumphal gewinnen. Dies ist der Beginn einer langen Erfolgsserie die 1970 in der Partie Kosmos - Erde und natürlich der legendären Veranstaltung Sowjetunion gegen die Welt gipfelt. Die Sowjets entscheiden das Turnier für sich und scheinen unbesiegbar! Das System hat sich stabilisiert, fühlt sich technologisch, militärisch und kulturell dem Westen ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Das fantasielose Politbüro erstarrt im Zustand des Größenwahns. Es regnet Ordensblech. Aber der Versuch, den Erfolg zu konservieren, soll sich bald als Irrweg erweisen, der geradewegs und ungebremst in eine sklerotische Agonie führt. Denn trotz allen Gelingens der Siebziger, die Maschine hatte schon Rost angesetzt.
Seit 1937 machen die sowjetischen Spieler die Weltmeisterschaft unter sich aus. Boris Spasski trägt den Titel seit 1969. Spasski war kein Kommunist aber er war ein guter Sowjetbürger. Vermutlich sogar ein Patriot - allerdings ein russischer. Er war sich seines Wertes für das Regime sehr wohl bewusst. Er verstand es zu leben und seine Unabhängigkeit durch provokative Bemerkungen zu unterstreichen. Seine gebildete und kultivierte Lebensart fand auch im Westen seine Freunde. 1972 trat er zur Verteidigung seines Weltmeistertitels in Reykjavík gegen den Amerikaner Bobby Fischer an. Das es überhaupt soweit kommen konnte, hätten sich sowjetische Schachfunktionäre noch vor zwei Jahren nicht träumen lassen. Der schon erwähnte Taimanow traf auf Fischer im Ausscheidungsturnier. Er verlor alle Partien, nicht weil er wollte, sondern weil Fischer einfach besser spielte. Die Politbürokraten waren bestürzt, fühlten sich vorgeführt. Die Rache des Systems ließ nicht lange auf sich warten. Taimanow, bisher nett in seinem Schachbiotop eingerichtet, erlebte die Vertreibung aus dem Paradies: Ausschluss aus der Nationalmannschaft, Reise- und Veröffentlichungsverbot, Streichung der monatlichen Bezüge, Aberkennung des Ehrentitels «Meister des Sports» und (einfach aus Gemeinheit) Auftrittsverbot als Pianist. Der Mann, gerade noch der Elite angehörend, war von einem Tag auf den nächsten stigmatisiert. Man ging auf dünnem Eis, nicht nur 1936 sondern auch 1971, während des goldenen Zeitalters, von dem die Veteranen bis zum heutigen Tage schwärmen. Spasski war gewarnt, dieser Kampf hatte weniger mit ihm als Person zu tun, vielmehr hatte er den Auftrag von Partei und Gesellschaft bekommen, die Überlegenheit der sowjetischen Ideologie zu bestätigen. Die westliche Presse griff das Thema begierig auf und so wurde das Turnier um die Schachweltmeisterschaft in Island zu einer Entscheidungsschlacht im kalten Krieg hochstilisiert. Der Individualist Fischer als Vertreter der freien Welt, gegen den Zögling der sowjetischen Schachmaschinerie Spasski, eine Marionette des Reichs der Finsternis. Nie wieder hatte Schach so eine Öffentlichkeit, nie wieder war es so populär und niemals war eine Schachturnier stärker ideologisch aufgeladen. Es war das Spiel des Jahrhunderts und nichts war wie es schien. Spasski war nicht urbildlich für die Erwartungen des Westens. Er war keine kalte Schachmaschine, nicht linientreu und verbissen. Im Gegenteil, sein Auftreten war freundlich, weltgewandt und gesprächig. Dagegen gab Fischer den exzentrischen Außenseiter, geldgierig und asozial. Er brachte die Veranstalter durch seine Anwälte mit einer Flut exaltierter Sonderwünsche an den Rand der Verzweiflung und gefährdete willentlich immer wieder das gesamte Turnier. Wenn Spasski nach Reykjavík kam um „ein Schachfest zu feiern“, war Fischer in Island, um die Sowjets zu erledigen. Er war für den Westen der mediale Supergau und ihn rettete nur die Tatsache, dass er siegte. Nun war Fischer eine Legende. Das bewahrt ihn allerdings nicht davor, mehr und mehr in eine paranoide Parallelwelt abzugleiten. Er wird seinen Titel nie verteidigen. Doch auch die sowjetischen Funktionäre sind nicht frei von Verfolgungswahn. Weil nicht sein kann was nicht sein darf, unterstellen sie Sabotage, beschweren sich über „schachfremde Mittel“, bemühen Experten für jede noch so abwegige Idee, um das Unabänderliche zu kaschieren, die Niederlage. Die Welt war aus den Fugen. Na ja, nicht wirklich. In der poststalinistischen Gesellschaft hatten bloß die alten Mythen wieder Konjunktur: Verschwörung, Spionage, Diversion. Dieses allgegenwärtige Misstrauen, der Geburtsfehler des Systems, schlägt wieder durch und spätestens jetzt kommt auch sein Symptom, der allmächtige Geheimdienst, wieder ins Spiel. Der KGB, obgleich schon die ganze Zeit vor Ort, führt eine Untersuchung durch und wird sich in Zukunft auch wieder verstärkt um das Prestigefeld Schach bemühen. In der allgemeinen Fassungslosigkeit blieb sogar die Bestrafung Spasskis aus.

Das Spiel ist aus
Die Sowjets haben aus dem Debakel von 1972 ihre Schlüsse gezogen. Ihr nächster Aspirant für die Weltmeisterschaft ist Anatoli Karpow. Er ist das Gegenteil von einem sowjetischen Dandy, als der Spasski mitunter bezeichnet wurde. Er ist bis zur Selbstaufgabe diszipliniert, als Mitglied des Zentralkomitees des kommunistischen Jugendverbandes Komsomol fest im System verankert, bar jeder Extravaganz und mit dem Charme eines toten Fischs ausgestattet. Genau genommen ist Karpow der Typus des neuen Menschen, von dem schon Lenin träumte. Seinem Talent entsprechend hochspezialisiert geht er willig im Kollektiv auf, ist ein Rädchen im großen Getriebe, unauffällig, fleißig und gehorsam. Da der selbstzerstörerische Fischer sich weiter in antikommunistischen und antisemitischen Alpträumen verstrickt und nicht mehr antritt, kann sich Karpow 1975 in einer feierlichen Zeremonie im Säulensaal des Hauses der Gewerkschaften in Moskau zum Weltmeister krönen lassen. Was für ein Ort! Hier wurden die toten Parteiführer aufgebahrt, hier fanden die berüchtigten Schauprozesse statt, hier ging es nie bloß um Individuen, dies ist heiliger Boden, auf dem sich traditionell das Regime feiert. Karpow ist der Liebling der Nomenklatur und Bewahrer des Status quo. Andern wird es eng in der Heimat. Viktor Kortschnoi, Karpows gefährlichster Rivale, fehlt die Luft zum Atmen. 1976 bleibt er im Westen und wird in der Logik der Apparatschiks zum Staatsfeind und Verräter. Es wiederholt sich das Aljechin-Phänomen, den sich, auf den ersten Blick paradox, das Regime nach seinem Tode konsequent einverleibt hat - regelmäßig fanden in der Sowjetunion Alexander Aljechin Gedenkturniere statt. Der Exilant Kortschnoi ist noch sehr lebendig und an seiner Meisterschaft im Schach kommt man nicht vorbei. 1978 spielt der Parteisoldat Karpow gegen den Dissidenten Kortschnoi um den Weltmeistertitel. Zwar wird gebetsmühlenartig die Formel von Entspannung und friedliche Koexistenz heruntergeleiert, doch das ist Fassade. Zwei Beispiele: in Afghanistan wird ein kommunistischer Umsturz organisiert und ein polnischer Antikommunist wird Papst. Die Fronten verhärten sich und der Ton wird wieder rauer. Entsprechend groß ist das mediale Echo auf die Begegnung der zwei Denksportler. Karpow obsiegt und diesmal können die Sowjets die Propagandaschlacht schlagen. Umgehend wird er vom Staats- und Parteichef Breschnew empfangen und mit dem Orden «Banner der Arbeit» ausgezeichnet. Drei Jahre später hat sich abermals ausgerechnet Kortschnoi als Herausforderer des Weltmeisters qualifiziert und erneut kann dieser den Titel verteidigen. Wieder gibt es den Dank des Vaterlandes in Form von Blech, diesmal ist der «Lenin-Orden» fällig. Es ist 1981 und auf der großen Bühne wird der Ton nun grob: Um bei den gewählten Beispielen zu bleiben, die Sowjets sind unterdessen in Afghanistan einmarschiert und in Rom wird der Papst Johannes Paul Il. bei einem Attentat lebensgefährlich verletzt.
Auch wenn der Triumph umfassend scheint, der Krieg ist schon verloren und es werden nur noch die letzten Rückzugsgefechte geschlagen. 1982 leitet Breschnew das große Sterben der alten Garde ein und auch der Reformer Gorbatschow wird mit seinen wenig originellen Ideen, die bezeichnender weise für den Ostblock trotzdem atemberaubend schienen, das Ende des kommunistischen Experiments nicht verhindern. Doch wie ein Sterns an seinem Ende als Supernova nochmals erstrahlt, brachten Glasnost und Perestroika kurz Licht und Fantasie in einen grauen, zähen Alltag. Garri Kasparow war der neue Stern am Schachhimmel. Schon 1984 forderte er, erst einundzwanzigjährig, den alten Champion heraus. Souverän ging Karpow mit 4:0 in Führung, doch Kasparow kämpfte sich zäh auf 5:3 heran. Das Endlosturnier wurde nach 48 Runden und 300 Spielstunden abgebrochen. Aus Rücksicht auf die Gesundheit der beiden Kontrahenten, wie es hieß. Karpow war zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach ins Krankenhaus eingeliefert worden und hatte 11 Kilogramm Körpergewicht verloren. Aber das Alte wollte, konnte nicht weichen. Ein Jahr später war es dann so weit, Gorbatschow wurde Generalsekretär der KPdSU und damit mächtigster Mann des Ostblocks und Kasparow wurde Schachweltmeister. Der eine Zögling des Apparats und gleichzeitig sein Totengräber, der andere gelehriger Spross der sowjetischen Schachschule und gleichzeitig ein Symbol des Aufbruchs.

Schlussbetrachtung
Lässt sich tatsächlich ein Bezug zwischen den unterschiedlichen Persönlichkeiten der jeweiligen Schachweltmeister und den politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen herstellen? Sind in diesem Papier tatsächlich die Schlüsselstellen in der Geschichte des sowjetischen Schachsports berücksichtigt? Ist es legitim, das eine wie das andere für meine Zwecke zu instrumentalisieren? Wie gesagt, ich bin weder als Spieler noch als Analyst ein Schachprofessioneller. Muss ich auch nicht sein, um mir einen subjektiven Blick auf die Geschichte zu leisten. In meiner Erinnerung wurde unendlich viel gequatscht, es ergoss sich ein unermesslicher Strom offizieller Verlautbarungen, Erklärungen, Belehrungen aus den, sämtlichst vom Regime kontrollierten Kanälen, es war das nervtötende Grundrauschen der allmächtigen Politbürokratie, die allgegenwärtige Fahrstuhlmusik des Ostblocks. Schach, ein stummes Spiel, was für eine Wohltat in Zeiten, in denen Worte belanglos, Propaganda oder Verrat sind.
Die vorliegende Materialsammlung postuliert einen Ausgangspunkt für eine filmische Erzählung. Sie ist zwangsläufig amorph und unvollständig. Vieles hat keine Berücksichtigung gefunden. Was ist zum Beispiel mit der Kehrseite der Förderung durch den Geheimdienst? Spielte Schach im GULag eine Rolle, oder zahlte man hier nur der Preis? Warum konnte in einer Gesellschaft, in dem das Aufgehen im Kollektiv als Ideal formuliert war, ein Spiel wie es individueller nicht sein kann, so massive Förderung erfahren? Vielleicht weil die allgegenwärtige Partei, entgegen allen gegenteiligen Beteuerungen, das Volk eben niemals an der Macht beteiligen wollte, die von einer kleinen Funktionärselite im Politbüro, bzw. im Extremfall ausschließlich vom Generalsekretär gekapert war. Vom Standpunkt der Psychoanalyse aus logisch, es gibt nur den einen König (= Idee), auf den sich alles fokussiert, der dem Kampf, der Arbeit, dem Tod einen Sinn verleiht. Andererseits ist die Figur des Königs im Schach nicht ohne Tragik, er ist was seine Spielstärke, seinen Aktionsradius, seine Einflussmöglichkeiten angeht, zu einer relativen Impotenz verurteilt. Fällt er, ist das Spiel zwar zu Ende, aber gespielt wird es überwiegend von anderen Figuren. (Jetzt mal vom großen Strippenzieher am Spielfeldrand abgesehen.) Machtvertikale ist ein Wort, das der Präsident Russlands, Wladimir Putin, sehr schätzt. Der Ex-Geheimdienstler gibt sich noch nicht einmal Mühe zu kaschieren, dass er zwar die Farben gewechselt aber immer noch das gleiche Spiel spielt. Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet Garri Kasparow seinen mit Schach nach dem Ende der Sowjetunion verdienten Reichtum dazu verwendet, für die nächste Präsidentenwahl in Russland das Oppositionsbündnis «Komitee 2008» zu schmieden. Den Weltmeistertitel hat er am Schachbrett an seinen Schüler, den Technokraten Kramnik, verloren. Nun kämpft er auf der großen Bühne weiter. Lenin hat das Schach politisiert, jetzt gehen die Spieler in die Politik. Der Kreis schließt sich.

„wie kleine nun der fende (= Bauer im Schachspiel) sî,
sô ist er doch alsô frî,
daz er dem künic sprichet schâchmat.“

Konrad von Ammenhausen, «Schachzabelbuch», 1337